Kurt Tucholsky (alle)

Felix, Dienstag, 14.02.2023, 09:43 (vor 489 Tagen) @ Felix

"Verehrtes Fräulein Müller! Erschrecken Sie nicht, daß ich Ihnen einen Brief schreibe und sogar einen Liebesbrief, verzeihen Sie mir die unordentliche und unanständige Form desselben, denn ich schreibe denselben in der Badewanne, aber ich bin gegenwärtig in einer solchen Verwirrung, daß ich unmöglich einen wohlgesetzten Brief machen kann und ich muß schreiben, wie mir der Bart gewachsen ist. Sie sind das aller 1. Mädchen, dem ich meine Liebe erkläre, obgleich mir schon mehrere über den Weg gelaufen sind, aber wenn Sie mir nicht neulich bei Ihnen im Bett so freundlich begegnet wären, hätte ich mich gar nicht getraut, Ihnen etwas zu sagen.

Ich möchte Ihnen so viel Gutes und Schönes sagen, wie es in der Schweiz üblich ist, doch habe ich kein leichtes Maschinengewehr bei mir sowie auch nicht keinen Eisenbahntunnel, aber freilich, wenn ich vor Ihren Augen stehe, werde ich wieder der alte unbeholfene Narr sein, und ich werde Ihnen nichts zu sagen wissen. Ich bin Student der Philologie und besitze Gottvertrauen sowie 4 Hemdkrägen." Kurt Tucholsky an Hedwig Müller, Zürich, Kellerstr. 1 Sonnabend, den 17. Dezember 1032 p. Chr.


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