aus der Castaneda Ecke ... (alle)

Felix, Sonntag, 17.05.2026, 12:40 (vor 18 Stunden, 45 Minuten) @ Felix

Don Juan in den Städten

aus „Der Ring der Kraft" Teil 1

„Ich werde dir jetzt etwas über das Tonal und das Nagual erzählen“, sagte Don Juan und sah mich eindringlich an. Dies war das erste Mal, seit wir uns kannten, dass er diese beiden Begriffe erwähnte. Aus der anthropologischen Literatur über die Kulturen Zentralmexikos war ich ungefähr mit ihnen vertraut. Ich wusste, dass das „Tonal“ (ausgesprochen tohna’hl) als eine Art Schutzgeist, in der Regel ein Tier, vorgestellt wurde, den ein Kind bei der Geburt erhielt und mit dem es sein Leben lang eine enge Beziehung unterhielt. „Nagual“ (ausgesprochen: nah’wa’hl) war der Name des Tieres, in das ein Zauberer sich angeblich verwandeln konnte, oder des Zauberers, der eine solche Verwandlung vornahm. „Dies ist mein Tonal“, sagte Don Juan und strich sich mit den Händen über die Brust. „Dein Anzug?“ „Nein, meine Person.“ Er klopfte sich auf die Brust, die Schenkel und die Rippen. „All dies ist mein Tonal.“ Er erklärte, dass jeder Mensch zwei Seiten habe, zwei getrennte Wesenheiten, zwei Gegenstücke, die im Augenblick der Geburt ihr Dasein aufnehmen; das eine heiße „Tonal“, das andere das „Nagual“. „Ich möchte sagen, Tonal und Nagual sind ausschließlich den Wissenden zugänglich. In deinem Fall ist dies sozusagen der Deckel, der alles abschließt, was ich dich bisher gelehrt habe, um dir davon zu erzählen. Das Tonal ist nicht ein Tier, das über einen Menschen wacht. Eher könnte man sagen, es ist ein Wächter, den man sich als ein Tier vorstellen kann.

Aber dies ist nicht die entscheidende Frage.“ Er lächelte und zwinkerte mir zu. „Ich will jetzt mal deine Worte gebrauchen“, sagte er. „Das Tonal ist die soziale Person.“ Er lachte, wie ich annahm, über mein bestürztes Gesicht. „Das Tonal gilt, mit Recht, als ein Beschützer, ein Wächter. Ein Wächter, der sich meistens in einen Wärter verwandelt.“ „Das Tonal ist der Organisator der Welt“, fuhr er fort. „Vielleicht kann man seine gewaltige Arbeit am besten beschreiben, wenn man sagt, dass auf seinen Schultern die Aufgabe ruht, das Chaos der Welt zu ordnen. Es ist nicht zu weit hergeholt, wenn man, wie die Zauberer, behauptet, dass alles, was wir als Menschen wissen und tun, das Werk des Tonal ist. Im Augenblick zum Beispiel ist es dein Tonal, das versucht, unser Gespräch zu verstehen. Ohne dieses gäbe es nur komische Geräusche und Grimassen, und du würdest nichts von alledem verstehen, was ich sage. Ich sage also, das Tonal ist ein Wächter, der etwas Kostbares bewacht, unser ganzes Sein. Daher ist es eine wesentliche Eigenschaft des Tonal, dass es bei seinem Tun vorsichtig und bedachtsam ist. Und da seine Taten der bei weitem wichtigste Teil unseres Leben sind, ist es kein Wunder, dass es sich schließlich bei jedem von uns aus einem Wächter in einen Wärter verwandelt.“

Er hielt inne und fragte mich, ob ich verstanden hätte. Automatisch nickte ich bestätigend, und er lächelte mit ungläubiger Miene. „Ein Wächter ist großzügig und verständnisvoll“, erklärte er. „Ein Wärter dagegen ist ein Sicherheitsorgan, engherzig und meistens despotisch. Ich behaupte also, dass das Tonal bei uns allen zu einem kleinlichen, despotischen Wärter gemacht wird, während es doch ein großzügiger Wächter sein sollte.“ Zweifellos konnte ich dem Gang seiner Erläuterung nicht folgen. Ich hörte zwar jedes Wort und schrieb es mit, und doch hing ich irgendwie einem eigenen inneren Dialog nach. „Es fällt mir sehr schwer, dir zu folgen“, sagte ich. „Würdest du dich nicht an dein Selbstgespräch klammern, dann hättest du keine Schwierigkeiten“, sagte er scharf. Diese Bemerkung veranlasste mich zu einer langen, weitschweifigen Erklärung. Schließlich fing ich mich wieder und entschuldigte mich für meine beharrliche Selbstrechtfertigung. Er lächelte und machte eine Gebärde, die anzudeuten schien, dass er sich nicht wirklich über mein Verhalten geärgert hatte. „Das Tonal, das ist alles, was wir sind“, fuhr er fort. „Schau dich um. Alles, wofür wir Wörter haben, ist das Tonal. Und da das Tonal nichts anderes ist als sein eigenes Tun, muss folglich alles in seine Sphäre fallen.“

„Ich verstehe noch immer nicht, Don Juan, was du mit der Feststellung meinst, dass das Tonal Alles sein soll“, meinte ich nach kurzer Pause. „Das Tonal ist das, was die Welt schafft.“ „Ist das Tonal der Schöpfer der Welt?“ Don Juan kratzte sich am Kopf. „Das Tonal schafft die Welt, das ist nur eine bildliche Redeweise. Es kann nichts erschaffen oder verändern, und doch schafft es die Welt, denn es ist seine Funktion, zu urteilen, zu bewerten und zu bezeugen. Ich sage, das Tonal schafft die Welt, denn es bezeugt und bewertet sie gemäß den Regeln des Tonal. Auf ganz seltsame Weise ist das Tonal ein Schöpfer, der nichts erschaffen kann. Mit anderen Worten, das Tonal stellt die Regeln auf, nach denen es die Welt begreift. Also erschafft es sozusagen die Welt.“

„Das Tonal ist eine Insel“, erklärte er. „Am besten kann man es beschreiben, wenn man sagt, dies hier ist das Tonal.“ Er strich mit der Hand über die Tischplatte. „Man kann sagen, das Tonal ist wie diese Tischplatte. Eine Insel. Und auf dieser Insel haben wir alles mögliche. Diese Insel ist also die Welt. Hier gibt es ein persönliches Tonal für jeden von uns, und da ist zu jedem gegebenen Zeitpunkt ein kollektives für uns alle, das wir als das Tonal der Zeiten bezeichnen können.“ Er deutete auf die Tischreihen im Restaurant. „Schau! Jeder Tisch zeigt das gleiche Bild. Auf allen gibt es gewisse Gegenstände. Doch sie unterscheiden sich im einzelnen voneinander. Auf manchen Tischen findet sich mehr als auf anderen. Verschiedene Speisen stehen auf ihnen, verschiedene Teller, da ist eine unterschiedliche Atmosphäre, und doch müssen wir zugeben, dass alle Tische in diesem Restaurant sich sehr ähnlich sind. Das gleiche gilt für das Tonal. Man kann sagen, es ist das Tonal der Zeiten, was uns einander ähnlich macht, genau wie es alle Tische im Restaurant sich gleich lässt. Dennoch ist jeder Tisch für sich ein Einzelfall, genau wie das persönliche Tonal eines jeden von uns. Doch das entscheidende Faktum, das wir nicht vergessen dürfen, ist, dass alles, was wir über uns selbst und unsere Welt wissen, sich auf der Insel des Tonal befindet. Siehst du, was ich meine?“ „Wenn das Tonal all das ist, was wir über uns und unsere Welt wissen, was ist dann das Nagual?“ „Das Nagual ist derjenige Teil von uns, der uns ganz unzugänglich ist.“

„Wie bitte?“

Fortsetzung folgt ...


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